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Theoretische Einführung in die A N A L Y T I S C H E P S Y C H O L O G I ECARL GUSTAV JUNGS Zum Hintergrund der psychotherapeutischen Arbeit nach C.G.Jung
0 DIE BUNTEN HOSEN IM KASTEN – Worum es geht Ein Mann sieht im Traum einen Arbeitskollegen in bunten Hosen und denkt sich: „Ich habe doch auch so viele bunte Hosen im Kasten. Warum ziehe ich immer die grauen an?" Er trägt tatsächlich ausschließlich graue oder dunkle Hosen. Der Traum spiegelt ihm die „bunten" Lebensmöglichkeiten, die er „im Kasten" (das ist hier Bild für sein Unbewusstes) aufbewahrt hat, die er aber schwer nützen kann. Er leidet häufig unter depressiven Verstimmungen. Das Traumbild hat ihm monatelang Mut gemacht, sein Lebenspotential zu entdecken und „anzuziehen". Nach der Sichtweise Carl Gustav Jungs äußert sich in solchen spontanen Reaktionen Unbewusstes, das dem Menschen sehr hilfreich sein kann. Diese Bereiche dem bewussten Leben fruchtbar zu integrieren, ist ein wesentliches Anliegen der an C.G.Jung orientierten Psychotherapie. Es geht darum, Ungelebtes oder nicht voll Ausgelebtes leben zu lassen und das Kraftpotential der Seele für die gesamte Daseinsgestaltung zu nützen. Zur Begriffsklärung: Analytische Psychologie wird oft mit Psychoanalyse verwechselt. Die Analytische Psychologie beruht auf Carl Gustav Jung, die Psychoanalyse geht auf Sigmund Freud zurück. „Tiefenpsychologie" ist der Sammelbegriff für beide Schulen, weil sie der Tiefe des Unbewussten in besonderer Weise Raum geben. Mitunter wird auch die Individualpsychologie Alfred Adlers dazugerechnet. Dieses Grundprinzip der analytischen Psychologie wird in einigen Bereichen erläutert: Auf der Basis der Biographie Carl Gustav Jungs (Kap. 1) gehe ich auf das Menschenbild dieser Schule (2) und Persönlichkeitstypen des Bewusstseins (3) ein. Das 4. Kapitel ist dem Herzstück Jung’scher Psychotherapie, Träumen und Märchen gewidmet. Die Archetypen des Kollektiven Unbewussten (5), Neurosenlehre und Wege der Selbstfindung werden in Kap 6 dargelegt. Literaturhinweise runden die Überlegungen ab (7).
1.1 Der biographische Rahmen – Leben und Werk Carl Gustav Jung wurde am 26. Juli 1875 in Keßwil (Kanton Thurgau) am Bodensee in der Schweiz geboren. Seine Familientradition ist von Geisteswissenschaften, Klassik und Theologie geprägt. Sein Vater ist evangelischer Pfarrer und in der näheren Verwandtschaft gibt es acht Geistliche. C.G. Jung erlebt das protestantische Pfarrhausmilieu als eine bedrückende Welt von Widersprüchen, Unaufrichtigkeit, Ängsten und Einsamkeit. Er rettet sich, indem er seine eigene Welt sucht und aufbaut. Es ist die Welt der Innerlichkeit, der Phantasie und der Rituale. Der gepredigte Gott seines Vaters ist für ihn kalt und unnahbar; demgegenüber beruft sich bereits der Heranwachsende auf unmittelbare Erfahrungen in Träumen und Visionen. Lebenslang wird sein Interesse den Äußerungen des Unbewussten gelten. Nach dem Studium von Naturwissenschaften und Medizin in Basel beginnt Jung 1900 als psychiatrischer Assistenzarzt bei dem Schizzophrenieforscher Eugen Bleuler in Zürich. 1903 heiratet Carl Gustav Emma Rauschenbach (Tod 1955), die sein Leben und sein Werk positiv unterstützt. Sie haben fünf Kinder. Sein besonderer Zugang zu Äußerungen des Unbewussten hat das Thema seiner Dissertation bestimmt: „Zur Psychologie und Pathologie sog. okkulter Phänomene", 1902. Jungs besonderes Interesse gilt zunächst dem persönlichen Unbewussten und den Komplexen. 1904 entsteht das Assoziationsexperiment, das C.G. Jung zum ersten Mal weltweite Beachtung erbringt. Durch ein Messungsverfahren wird die Wirksamkeit unbewusster Komplexe auf das Bewusstsein empirisch belegt. Die Dauer der Reaktion auf ein Reizwort und die Begleitumstände – Körperbewegungen, wiederholende Reaktionen u.ä. - lassen darauf schließen, dass das Wort an einen Komplex rührt. Die Beobachtung der Vorstellungswelt Schizzophrener führt Jung zur Frage nach dem sog. kollektiven Unbewussten, da er Ähnlichkeiten zwischen den Wahnvorstellungen der Kranken und der Bildersprache von Mythen, Träumen und Märchen entdeckt. (Berühmtes Beispiel ist der Sonnenpenis, den ein Kranker zu sehen glaubt; dasselbe Bild findet Jung bei Naturvölkern.) Seitdem unterscheidet er zwischen persönlichem und kollektivem Unbewussten, versteht beide Bereiche aber in engem Zusammenhang zueinander. Die folgenschwere Beziehung zu Sigmund Freud beginnt 1906. Freud wird für den knapp 20 Jahre Jüngeren zu einer geistigen Vaterfigur. Seit 1900 (Freuds "Traumdeutung") verfolgt Jung die Entwicklung der Psychoanalyse mit wachsendem Interesse. Jung wird Redaktor des Bleuler-Freudschen "Jahrbuches für psychologische und psychopathologische Forschungen". 1911 wird der "Kronprinz" Jung Präsident der von ihm selbst gegründeten Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. - 1913 stellen die Beiden ihre Korrespondenz ein. Nach dem Bruch mit Freud gerät Jung in eine jahrelange schwere Persönlichkeitskrise, deren Bearbeitung sein weiteres Werk entscheidend prägt. In der Folge nennt Jung seine geistige Richtung "Analytische Psychologie" (im Unterschied zur „Psychoanalyse" Sigmund Freuds), später, im Blick auf die besondere Bedeutung der Komplexe, auch "Komplexe Psychologie". Zwischen 1921 und 1926 unternimmt C.G.Jung Expeditionen zur Erforschung primitiver Kulturen. Er bringt seine persönlichen Erfahrungen, eigene Traumbilder und die seiner Patienten, auch die Vorstellungswelt Schizzophrener durch Vergleiche mit historischen Vorläufern, Mysterienkulten und Mythen von Naturvölkern auf eine breite menschheitliche Basis. Besonderes Interesse gilt der mittelalterlichen Alchemie. In deren Bestreben, Unedles (Blei) in Edles (Gold) zu verwandeln, sieht Jung ein Bild für den Wandlungsprozess der Seele aus dem unentwickelten Zustand („Blei") in das „Gold" der menschlichen Reife (Individuation). 1944 zwingt eine Herzkrankheit Jung zur teilweisen Aufgabe seiner psychotherapeutischen Praxis. C.G.Jung stirbt am 6. Juni 1961 in Küsnacht (Schweiz).
1.2 Der Mensch dahinter – „Schmankerln" aus Jungs Innenwelt „Was man sieht, ist die Blüte, die vergeht. Das Rhizom dauert." Jungs Dasein ist wie eine Pflanze, die aus ihren Wurzeln lebt - ihr eigentliches Leben ist nicht sichtbar. Jung hat nie das Gefühl für das verloren, was unter dem ewigen Wechsel lebt und dauert. Irgendwo in uns gibt es etwas, das sich durchhält. Alles Erlebte steht im Zeichen des inneren Erlebnisses; nur von daher gibt es tragfähige Antworten. „Ich habe immer versucht, dem freien Lauf zu lassen, was von innen her an mich heran wollte." Das war bereits die Erfahrung des Kindes. Sehr früh entwickelt sich seine eigene Innenwelt – im Kontrast zur geistig-emotionalen Starrheit des protestantischen Pfarrhausmilieus. So warmherzig er seinen Vater in Erinnerung hat (wie er ihn stundenlang nächtens herumtrug, wenn er krank war), so unendlich weit ist er innerlich von ihm entfernt. Auch zur Mutter ist die Beziehung ambivalent. Einerseits erlebt er sie voll Wärme, korpulent, gastfreundlich, gemütlich – andererseits ist sie eine mächtige, dunkle, furchterregende Gestalt. Die längere Abwesenheit der Mutter, als er 2 Jahre alt war, hat Verlassenheitsängste bis ins hohe Alter zur Folge. Zeitlebens bleibt Jung der Verdacht der Unzuverlässigkeit des Weiblichen. Die tragfähige Beziehung zu seiner Frau Emma hat ihm eine neue Sicht der Treue und Stabilität der Frau ermöglicht. Aus dem 4. Lebensjahr erinnert er sich an einen gewaltigen Traum, der ihn – im Bild unterirdischer Gänge und einer erhabenen Gestalt – in das Reich der Vagina und des Phallus einführt. Seit damals weiß er, dass es eine andere Welt gibt als die rational-dürre Pfarrhauswelt. An seinen inneren Erfahrungen bemisst er die Theologie seines Vaters, der er Lebensferne und mangelnde Erfahrung vorwirft. Das in sich gekehrte, introvertiert-intuitive Kind sucht die Einsamkeit und leidet zugleich darunter. In der Gesellschaft der Gleichaltrigen lebt er wie die anderen auch, kann sogar Anführer von Streichen sein – aber das ist nicht seine wahre Welt. Er findet immer wieder neue Lösungen, um seine Zerrissenheit zu überbrücken und seiner inneren Welt Raum zu verschaffen. So unterhält er im Alter von 7 bis 9 Jahren ein Feuer im Hof. Er liebt einen besonderen Stein, auf dem er sich zurückzieht und mit dem er sich sosehr identifiziert, dass er sich fragen kann: Wer von beiden bin ich: Der Junge, der auf dem Stein sitzt, oder der Stein? Hinter der Schönheit der lichten Tageswelt ahnt er eine unabweisbare Schattenwelt mit beängstigenden Fragen und fühlt sich ihr oft ausgeliefert. Seit der frühen Kindheit erlebt er Todesängste, besonders in der Nacht. Sie verbanden sich mit schwarz gekleideten Jesuiten. Mit etwa 10 Jahren erfindet er ein Schutzritual. Er schnitzt eine kleine Jesuitenfigur, steckt sie in eine Schachtel und hebt sie an einem verborgenen Ort am Dachboden auf. In schwierigen Situationen bezieht er daraus Kraft (wenn er körperliche oder psychische Verletzungen erlebt, der Vater reizbar, die Mutter kränklich ist). Er hat sich die Energie des „Schattens" nutzbar gemacht. Das Gefürchtete wird zum Schutz – gibt Sicherheit. Das 12. Lebensjahr bringt eine schicksalhafte Wende. Carl Gustav entdeckt, was eine Neurose ist und macht die erste bewusste Ich-, Selbst- und Gotteserfahrung. Zur Neurose. Er hasste die Schule, weil sie ihm nur Zeitvergeudung schien. Einmal wird er am Heimweg von einem anderen Buben umgestoßen, ist wie umnebelt; im Moment des Aufschlagens durchzuckt es ihn: Jetzt musst du nicht mehr zur Schule gehen! Daraufhin bleibt er länger liegen, als nötig gewesen wäre, auch aus Rache, und wird daraufhin jedes Mal ohnmächtig, wenn er zur Schule gehen sollte. Ein halbes Jahr lang bleibt er zu Hause, geht seinen Träumereien nach und entfernt sich immer weiter von der Welt; der Anfang der Ohnmacht ist längst vergessen. – Das geht solange, bis er einen Ausspruch seines Vaters zu einem Bekannten aufschnappt: „Wie soll der Junge je sein Brot verdienen?" Da durchzuckt es ihn wie ein Blitz, er kehrt in die reale Welt zurück und arbeitet hart daran, seine Ohnmacht zu überwinden. Immer wieder kommt die Ohnmacht, wenn er lernen will, oft viertelstündlich – Er dagegen: „Zum Teufel noch einmal, man hat keine Ohnmacht!" Nach einigen Wochen kann er wieder ohne Ohnmachtsanfälle zur Schule gehen. Der ganze Zauber ist weg. „Daran habe ich gelernt, was eine Neurose ist." „Da gab es einen Augenblick, in dem ich plötzlich das überwältigende Gefühl hatte, soeben aus einem dichten Nebel herausgetreten zu sein, mit dem Bewusstsein, jetzt bin ich. ... In jenem Augenblick geschah ich mir. Vorher war ich auch vorhanden, aber alles war nur geschehen. Jetzt wusste ich: Jetzt bin ich, jetzt bin ich vorhanden. Vorher hat es mit mir getan, jetzt aber wollte ich." Ein anderes Schlüsselerlebnis erzählt er ebenfalls in diesem Alter am Münsterplatz: An einem strahlend schönen Tag glänzt das Dach des Doms im Licht, der Junge ist überwältigt: „Die Welt ist schön und die Kirche ist schön und Gott hat das alles geschaffen und sitzt auf einem goldenen Thron und…" - Fast erstickend wagt er nicht weiterzudenken; er befürchtet Schlimmes, quält sich tagelang, ringt verzweifelt, aber muss weiterdenken. Nach schlaflosen Nächten ist es soweit: „Ich fasste allen Mut zusammen, wie wenn ich in das Höllenfeuer zu springen hätte, und ließ den Gedanken kommen: Vor meinen Augen stand das schöne Münster, hoch über der Welt, und unter dem Thron fällt ein ungeheures Exkrement auf das neue bunte Kirchendach, zerschmettert es und bricht die Kirchenwände auseinander. Das war es also. Ich spürte eine ungeheure Erleichterung und eine unbeschreibliche Erlösung. Anstelle der erwarteten Verdammnis war Gnade über mich gekommen und damit unaussprechliche Seligkeit, wie ich sie nie gekannt hatte. Ich weinte vor Glück und Dankbarkeit ... Das gab mir das Gefühl, eine Erleuchtung erlebt zu haben." Im Angesicht der Himmelsscheiße versteht er Gnade, was sein Vater (in Jungs Augen) nie begriffen hatte: heilende Nähe. Wenn er künftig Zeuge religiöser Gespräche war, dachte er sich: Ja ja, das ist ganz schön - aber wie verhält es sich mit dem Geheimnis? Am Phallustraum und am Münstererlebnis misst er die Glaubhaftigkeit von philosophischen und religiösen Aussagen. Er hat seine eigene Weisheit. Es gibt noch etwas ganz anderes als die vordergründige, rationale Welt. Nach außen wirkt der Junge in sich gekehrt, depressiv - sitzt auf seinem Stein -, im Inneren ist er mit dem Geheimnis beschäftigt.
Die Beziehung zu Freud aus der Sicht C.G.Jungs Sigmund Freud ist für Carl Gustav Jung der erste wirklich bedeutende Mann, dem er je begegnet ist. Als ausgebildeter Psychiater mit seiner eigenen Prägung, seinen persönlichen Erfahrungen und theoretischen Konzepten trifft er auf Freuds Werke und verteidigt den damals in der Fachwelt Verpönten, noch bevor er ihn persönlich kennen gelernt hat. Freuds Traumdeutung (1900 erschienen) fasziniert Jung. Die erste persönliche Begegnung hat noch der alte Jung genau in Erinnerung: an einem Februartag 1907, um 13.00 – und sie endete nach einem 13-stündigen Gespräch. In Freud findet Jung nicht nur eine Vaterfigur, sondern auch einen Gleichgesinnten mit hoher Fähigkeit zur Systematisierung und auch theoretischen Untermauerung. (Darin ist Freud Jung zeitlebens voraus geblieben!) Die zunächst positive Vaterübertragung führt zum Bruch, als der „Sohn" sich ablöst. Von Anfang an hatte Jung Bedenken gegen Freuds Absolutsetzung der Sexualität. Zunächst wird er vom Älteren mit dem Hinweis auf seine Jugendlichkeit beschwichtigt. Doch Jung beobachtet an Freud anderes als eine rational durchgefeilte Theorie: den bewegten, wie numinosen Gesichtsausdruck, wenn er über das Thema spricht. In einem Gespräch im Jahr 1910 sagte Freud (in Jungs Wiedergabe): „Mein lieber Jung, versprechen Sie mir, nie die Sexualtheorie aufzugeben. Das ist das allerwesentlichste. Sehen Sie, wir müssen daraus ein Dogma machen, ein unerschütterliches Bollwerk … gegen die schwarze Schlammflut des Okkultismus." Jung ist skeptisch; Dogma ist für ihn etwas, womit Zweifel ein für allemal unterdrückt werden sollen. Und was Freud mit der „schwarzen Schlammflut des Okkultismus" meint, gehört für Jung in den Bereich des Religiösen. Für Jung ist Freuds Sexualtheorie ebenso „okkult", weil letztlich nicht beweisbar. Was Freud von ihm wie ein Versprechen fordert, ist Stoß ins Lebensmark der Freundschaft. Die Sexualität ist und bleibt für Jung ein wesentlicher, aber nicht der einzige Ausdruck der psychischen Ganzheit. Die Krise nach der Trennung von Freud, die Jung bis an die Grenze der Psychose führt, bewältigt er auf seine eigene Weise: Er öffnet sich Impulsen aus dem Unbewussten; besonders wichtig ist ihm die Wiederbelebung von Ressourcen aus seiner Kindheit. Er erinnert sich an Szenen, als er leidenschaftlich mit Bausteinen gespielt hat. „Aha, sagte ich mir, hier ist Leben! Der kleine Junge ist noch da und besitzt schöpferisches Leben, das mir fehlt. Aber wie kann ich dazu gelangen? Es schien mir unmöglich, die Distanz zwischen der Gegenwart, dem erwachsenen Mann, und meinem elften Lebensjahr zu überbrücken. Wollte ich aber den Kontakt mit jener Zeit wieder herstellen, so blieb mir nichts anderes übrig, als wieder dorthin zurückzukehren und das Kind mit seinen kindlichen Spielen auf gut Glück wieder aufzunehmen. Dieser Augenblick war der Wendepunkt in meinem Schicksal. Denn nach unendlichem Widerstreben ergab ich mich schließlich darein, zu spielen. Es ging nicht ohne äußerste Resignation und nicht ohne das schmerzhafte Erlebnis der Demütigung, nichts anderes wirklich zu können als zu spielen. So machte ich mich daran, passende Steine zu sammeln…" In den Pausen zwischen den Patienten spielt und malt er – „Und wann immer ich in meinem späteren Leben stecken blieb, malte ich ein Bild oder bearbeitete ich Steine." So war Jung spielend auf dem Weg zu seinem neuen, eigenen – von Freud unabhängigen – Mythos. Auch den Abschied von seiner Frau Emma verarbeitet er mit Steinarbeit. Sie führt ihn zu einer neuen schöpferischen Lebensphase. Der introvertierte C.G.Jung löst seine psychischen Krisen mit Erdung; er braucht den Halt, den ihm seine Familie gibt, das Spielen und die Steine. Sie geben ihm das Gefühl, als gewöhnlicher Mensch vorhanden zu sein. Der alte Mann, der so viel erlebt, reflektiert und so bewusst gelebt hat wie wenig andere, sagt gegen Ende seines Lebens: „Ich weiß, dass ich in vielem nicht bin wie andere, aber ich weiß nicht, wie ich wirklich bin" . Was er weiß: dass er aus den Wurzeln der Pflanze gelebt hat: sein Leben ist "Selbstverwirklichung des Unbewussten" – Leben aus der Tiefe, mit allen Problemen der irdischen Verwirklichung. Daraus lebt seine Theorie, die im folgenden zur Sprache kommt.
2 ZUM MENSCHENBILD DER ANALYTISCHEN PSYCHOLOGIE
2.1 Eine Insel im Meer - Bewusstsein und Unbewusstes Ägyptische Schöpfungsmythen erzählen, dass am Anfang des Lebens eine Insel aus den Fluten des Nil auftaucht. Ähnliche Bilder begegnen in Träumen und Mythen aller Zeiten. In ihnen drückt sich ein Grundmodell des Analytischen Menschenbildes aus: Der Mensch ist wie eine Insel im Meer. Die sichtbare und erfahrbare Seite der Insel wird mit dem Bewusstsein verglichen; der um vieles größere Bereich unter der Meeresoberfläche ist Bild für das Unbewusste. Es ist tragender Grund des bewussten Lebens. Wie Inseln in Schöpfungsmythen aus dem Meer auftauchen, so ist Leben für Jung Bewusstwerden. Das gilt für die Entwicklung des einzelnen, der aus dem Unbewussten auftaucht, wie für das Leben der Menschheit. Das Werden des Menschen ist eine Ausprägung des Bewusstseins. In jeder menschlichen Entwicklung, von der Zeugung an, wiederholt sich die Entwicklung der Menschheit: der Aufbruch des Bewusstseins aus der Nacht des Unbewussten. Die Ontogenese (Entwicklung des Einzelnen) entspricht der Phylogenese (Entwicklung der Menschheit) und ist in sie als tragenden „Mutterschoß" eingebunden. Wie die Insel ist auch der Eisberg ein altes Bild für tiefenpsychologische Daseinsdeutung. Das Bewusstsein des Menschen ist der erfahrbare Bereich des „Eisberges". Das Unbewusste ist in dem um vieles größeren Teil des Eisberges ausgedrückt, der sich unter der Meeresoberfläche befindet.
2.2 Das Bewusstsein Was immer ein Mensch denkt, fühlt, wahrnimmt – Gedächtnis, Körpererfahrung, geistiges Suchen, Empfindungen - das alles gehört zum Bewusstsein (also nicht nur der Verstand des Menschen.) Das Ich ist der Mittelpunkt des Bewusstseins. Es enthält die bewussten Wahrnehmungen, Gedächtnisinhalte, Gedanken und Gefühle und ermöglicht dem Menschen die Anpassung an die Umwelt. "Unter Ich verstehe ich einen Komplex von Vorstellungen, der mir das Zentrum meines Bewusstseinsfeldes ausmacht und mir von hoher Kontinuität mit sich selbst zu sein scheint." Das Unbewusste hat grundsätzlich kompensierenden (ausgleichenden) Charakter und steht im – kämpferischen oder ausgewogenen - Verhältnis zum bewussten Leben.
2.3 Das Unbewusste Das persönliche Unbewusste besteht aus persönlichen Erfahrungen, Wünschen und Impulsen, die einmal bewusst waren, aber verdrängt oder vergessen wurden und zum Teil wieder bewusst gemacht werden können. C.G.Jung hat das Modell des persönlichen Unbewussten, das er mit Freud teilt, aber auf eigenen, von Freud unabhängigen Wegen entdeckt hat, gezielt weiter entwickelt. Er sieht darin nicht nur die Ansammlung von schmerzlichen Erfahrungen der frühen Kindheit, sondern zugleich die - oft verborgene - Kraftquelle des Menschen. Es gibt verschiedene Stufen der Unbewusstheit: * Subliminal (unter der Oberfläche) Wahrgenommenes (was durch einen Willensakt wieder ins Gedächtnis gerufen werden kann) * Verdrängtes aus dem persönlichen Unbewussten (das sich mitunter in Träumen, Versprechern, körperlichen Symptomen, Neurosen und Psychosen meldet) * und der größere Bereich des persönlichen Unbewussten, der ins kollektive Unbewusste reicht und vom Bewusstsein (bisher) noch nicht erreicht worden ist und in seiner Ganzheit nie bewusst gemacht werden kann. Das kollektive Unbewusste ist der einflussreichste Bereich der Psyche. Es bildet die ererbte Grundlage der Persönlichkeitsstruktur und enthält die Energie der prägenden Erfahrungen der vorangegangenen Generationen und selbst der tierischen Vergangenheit des Menschen. Durch den Vergleich ähnlicher Erfahrungen zwischen verschiedenen Menschen und Nationen hat Jung den Bereich des Kollektiven Unbewussten erforscht. Viele Traumbilder (wie: Wasser, Berg, Kind, Tiere, Fahrzeuge, Behausungen) finden eine Entsprechung in Mythen und Märchen. Jungs Einbettung des Menschen in den Zusammenhang der Menschheit bringt eine Ausweitung des Menschenbildes über den individuell-biographischen Zusammenhang hinaus. Der Mensch ist in der Sicht C.G.Jungs nicht nur auf sich allein gestellt, sondern hat am Erbe der Menschheit teil. Hier zeigt sich die Gemeinsamkeit der Menschheit über Zeiten und Völker hinweg.
3.1 Empfinden, Denken, Fühlen, Intuition – Zugänge zur Wirklichkeit Eine Frau zweifelt an der Liebe ihres Partners, weil er mit Liebeserklärungen spart und auch auf ihre direkte Frage nicht herzhaft antworten kann. Ihm sind ihre Wünsche lästig, oft unverständlich und sie erreicht mit ihren Erwartungen an Liebesäußerungen genau das Gegenteil, nämlich die zunehmende Entfremdung. Er geht vielleicht denkend an die Welt heran, sie ist von ihren Gefühlen geleitet. Sie denkt auch, aber anders. (Das muss nicht nur eine Geschlechterdifferenzierung sein - es gibt auch das Umgekehrte.) Menschen haben unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit. Die Empfindungsfunktion könnte man auch mit sinnenhafter Wahrnehmung umschreiben. Gemeint ist die objektive Wahrnehmung des Vorhandenen; mit Hilfe der Sinnesempfindungen wird klar, dass eine Tatsache als solche vorliegt und wie sie im Detail beschaffen ist. Der Empfindungstyp hat praktische Tüchtigkeit, Realitätssinn, Merkfähigkeit, Sinn für Einzelheiten. Der Mensch, der die Denkfunktion besonders ausgeprägt hat, orientiert und bewertet durch erkenntnisbegriffliche Zusammenhänge und logische Folgerungen; er erkennt, was die Dinge bedeuten und beurteilt sie nach dem Standpunkt: richtig-falsch, logisch-unlogisch. Er erfasst und registriert die Welt denkerisch. Der Fühltyp, der sich von der Fühlfunktion leiten lässt, beobachtet weniger, warum etwas ist, sondern wie etwas ist. Wie er ein Phänomen erlebt, wie es auf ihn wirkt, ob es Lust oder Unlust bereitet, das macht es wichtig oder unwichtig. Ein solcher Mensch bewertet nach den Kriterien angenehm - unangenehm. Die Intuition lässt mögliche Zusammenhänge und Auswirkungen, den Sinn und die Hintergründe erahnen. Der intuitive Typ lebt aus seiner inneren Wahrnehmung, erfasst das nicht Gesagte, spürt die Stimmung im Raum, übersieht und vergisst die Einzelheiten. Die Orientierungsfunktionen sind etwa so zusammenzufassen: Empfindung: erfasst und registriert, dass etwas ist Denken: erkennt, warum es so ist und was etwas bedeutet Gefühl: vermerkt, was es wert ist Intuition: ahnt den tieferen Sinn Die meisten Menschen haben eine Hauptfunktion, die am besten entwickelt ist. Sie prägt sich zumeist in der ersten Lebenshälfte aus. Sie gibt der Einstellung zum Leben Richtung und Qualität und bestimmt den psychologischen Typ des Menschen. Sie erfordert den geringsten Kraftaufwand. Manchmal wird sie an Verhaltensweisen erkennbar, die ein Mensch auch im müden Zustand am ehesten zuwege bringt. Bei einem Denktyp läuft das geistige Rad noch in der Nacht. Ein Empfindungstyp nimmt auch in der Erschöpfung Details einer Szene wahr.
Entgegengesetzt (wie auch an der Skizze erkennbar ist), also im Bereich des Unbewussten liegt die sog. minderwertige Funktion. Sie ist unentwickelt, unzuverlässig. Für sie lohnt es sich am wenigsten, Kraft, Zeit oder Geld zu investieren. Im Gegenzug dazu überrascht sie durch launische Handlungen und ärgerliche Traumbilder (falls sie nicht so verdrängt ist, dass die Träume gar nicht ins Bewusstsein gelangen). Ein intuitiv orientierter Mensch findet die Hausarbeit vielleicht lästig. Ein Fühltyp empfindet die geistige Akrobatik anderer als unnötige Verschwendung von Zeit und Kraft und als zu anstrengend. – usw. Die anderen beiden (in der Skizze benachbarten, also neben der Hauptfunktion liegenden) Funktionen können verschieden bewusst sein. Sie haben oft den Charakter von Hilfsfunktionen. So hat ein primär gefühlsorientierter Mensch auch das Empfinden und die Intuition zur Verfügung; doch fällt es ihm schwer, Entscheidungen zu treffen, die primär oder ausschließlich klares Denken erfordern. Die Entfaltung aller vier Funktionen ist wichtiger Bestandteil der Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit und der Befähigung zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Viele verlieben sich in jemanden, der die eigene unentwickelte Seite auslebt. Was am Anfang (meist unbewusst) als Ergänzung gesucht wird, kann zum Zündstoff von Konflikten führen, wenn jeder der beiden ausschließlich die eigene Warte wahrnimmt und diese isoliert kultiviert. So können ein Partner, den das kleinste Staubkorn stört (extrem ausgeprägter Empfindungstyp) und ein künstlerisch veranlagter Chaotiker (extremer intuitiver Typ) einander ergänzen oder das Leben zur Hölle machen. Auch in anderen Beziehungsformen erwachsen viele Auffassungsunterschiede und Kontaktschwierigkeiten daraus, dass Menschen sich einseitig in der Welt orientieren und von ihrem Blickwinkel aus auf andere schließen. Wenn alle vier Zugänge zur Wirklichkeit bewusst sind, ist der Mensch als ganzer im Lot. Er kann einen Gegenstand, eine Situation oder einen Menschen empirisch erfassen, denkerisch einordnen, auf seinen Lustgehalt hin bewerten und mit Intuition auf innere Möglichkeiten erspüren. Ein Ziel der menschlichen Entwicklung im Sinn C.G.Jungs ist es, sich diesem Ideal anzunähern, indem zumindest bewusst ist, wo die Schwerpunkte und wo die Schattenseiten liegen.
3.2 Extraversion und Introversion – Einstellung zur Innen- und Außenwelt Ein Mensch wirkt verschlossen, abweisend. Er geht nur, wenn es unbedingt notwendig ist, in größere Gesellschaften und ist froh, wenn er eine Veranstaltung irgendwie hinter sich gebracht hat. Die anderen tun sich schwer mit ihm, bedauern oder belächeln ihn. Vielleicht überdeckt er seine Ängste durch Rollen, in denen er sich von scheinbar großer sozialer Kompetenz erweist. - Mag sein, dass er Beziehungsängste hat und an sich leidet. Es kann aber auch sein, dass er ein durchaus gesund entwickelter introvertierter Typ ist. Menschen dieser Art passen nicht leicht in unsere gegenwärtige, extravertiert orientierte Gesellschaft. Wer fröhlich ist, wortgewandt, wer sich präsentieren kann, wer am laufenden ist - der Extravertierte -, gilt als normal. Die weithin bekannte Unterscheidung zwischen Extraversion und Introversion ist in der Jung’schen Typologie verankert. Der Extravertierte ist vom äußeren Objekt her bestimmt. Die ihn umgebende Welt ist das Wichtigste für ihn, von ihr hängt er ab. Er braucht die Bestätigung von außen, passt sich an gesellschaftliche Forderungen an, ist zugänglich, gesellig, findet sich in der Welt zurecht. Der Introvertierte gleicht häufig dem „stillen, aber tiefen Wasser". Für ihn ist die Innenwelt das wichtigste. Er ist nicht von Außenbeziehungen abhängig. Seine eigene Gesellschaft ist ihm am liebsten. Im Rückzug auf sich selbst sucht er vielleicht die Ungestörtheit, aus der heraus er seinen Beitrag an der Gesellschaft leisten kann. Seine Quelle ist innen – die Kraftquelle des Extravertierten ist mehr in der Außenwelt. In jedem Menschen wirkt das Unbewusste ergänzend und ausgleichend. Wer sich in seinem Bewusstsein extravertiert erlebt und verhält, muss mit überwiegend introvertierten Anteilen des Unbewussten rechnen und umgekehrt. Persönlichkeitsentfaltung gelingt, wenn die unbewussten Anteile für das bewusste Leben fruchtbar gemacht werden. Im Zug der Lebensentwicklung gibt es oft eine Verschiebung der Einstellungstypen. Viele sog. Extravertierte leben sich in der ersten Lebenshälfte leichter; wenn sie sich gesund entwickeln, kommt in der zweiten Lebenshälfte auch die introvertierte Seite zum Tragen. Der Introvertierte lebt sich zumeist in der zweiten Lebenshälfte leichter als in der ersten und gewinnt dann oft jene soziale Sicherheit, die ihm in der ersten Hälfte gefehlt hat. Oft fällt es schwer, bei einem Menschen den Typ zu erkennen, weil viele Menschen durch Erziehung und Umwelteinflüsse in Lebensformen und Verhaltensweisen, auch Rollenmuster gedrängt werden, die ihrem ursprünglichen Typ nicht entsprechen. So entstehen häufig seelische Verkrümmungen und Neurosen. Freilich gibt es viele Mischformen, Spielarten und unterschiedliche Ausprägungen. Jede Typologie hat ihre Grenzen an der persönlichen Individualität des Einzelnen.
C.G.Jung nennt seine Persönlichkeitstypen „Einstellungen des Bewusstseins", weil der Ausgangspunkt der Betrachtung beim Bewusstsein liegt. Das Herzstück analytischer Deutung liegt in Meldungen des Unbewussten, wie sie besonders in Träumen und Märchen begegnen.
4 VOM UMGANG MIT TRÄUMEN UND MÄRCHEN
4.1 Träume - Spiegel des Menschen (mehr) Träume sind wie für Freud so auch für Jung „königlicher Weg" zum Unbewussten. Für C.G.Jung ist der Traum spontane Selbstdarstellung der aktuellen Lage des Unbewussten in symbolischer Ausdrucksform. Analytische Traumarbeit ist mehr als rationale Traumdeutung. Es geht darum, den Traum als Herausforderung, Ermutigung und Kraftquelle zu erfahren. So wird die Energie des Unbewussten, die zur Gestaltung des Traums führt, dem bewussten Leben zunutze gemacht. Die Beachtung der kollektiven Dimension der Traumbilder bringt Erweiterung des Horizonts und Stärkung der Lebensenergie aus den Wurzeln der Menschheit. Träume sind grundsätzlich vieldeutig. Sie haben einen erfahrbaren Ansatz in der Realität und reichen über diese hinaus. Sie sind nie auf einer einzigen Ebene festzumachen. Hier zeigt sich die Begrenztheit jeder Traumdeutung. Methodisch rät Jung statt der freien Assoziation Freuds eine gebundene Assoziation, die sich am Traum hält, dem Traum entlang die Bilder umkreist und immer wieder zum Traum zurückkehrt. Träume offenbaren mitunter glasklar die Situation eines Menschen. Ihr Verhältnis zum bewussten Leben kann freilich verschieden sein. Manche Träume spiegeln - oft überzeichnend wie ein Spiegelkabinett - die aktuelle Lage des Bewusstseins; andere bringen kompensierend (d.h. ausgleichend) mehr das Unbewusste zum Ausdruck. Das ist das Typische: Im Traum als Sprachrohr des Unbewussten begegnet die andere Seite, wie das Eingangsbild von den bunten Hosen im Kasten deutlich gemacht hat. C.G.Jung versteht den Traum nicht bloß als irreale Erfüllung von Wünschen, die, bei Tage besehen, unerfüllt bleiben (nach dem Motto: Schade, dass es nur ein Traum war). Aus der Überzeugung, dass alles, was ein Mensch träumt, in ihm lebt, ist nach Jung der Traum nicht Ausdruck dessen, was der Mensch nicht hat, sondern dessen, was er in irgendeiner Weise in sich trägt. Diese Unterscheidung kann vor allem dann, wenn Träume in krassem Widerspruch zum bewussten Leben stehen, hilfreich sein. Ein wohltuender, erhebender Traum in einer scheinbar aussichtslosen Lage macht dem Träumer bewusst, dass auch anderes als Verzweiflung in ihm lebt. Und ein Angsttraum in einer scheinbar ausgeglichenen Bewusstseinslage macht hellhörig für Probleme, die das Bewusstsein übersieht.
Das Typische der Träume ist ihre Bildersprache. Sie sind nie – auch wenn sie noch so realitätsnah wirken – lediglich Abbild empirischer Wirklichkeit, sondern sie gehen immer darüber hinaus. Nur im Bild kann Unbewusstes sich äußern. Ein Bild oder Symbol verbindet Bewusstes und Unbewusstes. Es besagt mehr als seine sichtbare Seite; ein Bild ist geheimnisumwoben, offenbart und verbirgt zugleich. Ein Bild weist über sich hinaus auf die Wirklichkeit der Psyche, die sich darin verbergend kundtut. Ein Symbol ist nie auf einer einzigen Ebene festzumachen. Es ist Ausdruck des Menschen in seiner Ganzheit. Und in jedem Bild lebt kollektiv-menschheitliche Erfahrung. Die Bildersprache eines Traums ermisst nur, wer in sich selbst - auch beim Hören eines Traums anderer - erspürt, was die Bildgeschichte des Traums zu sagen hat. Die Zielrichtung eines Bildes wird im Wahrnehmen der Dynamik des ganzen Traums deutlich, auch im Blick auf die Lebenssituation des Träumenden. Erst in weiteren Schritten werden einzelne Bildelemente wie Haus, Übersiedlung, Schlange oder Wasser betrachtet. Im Mitschwingen und Mitspielen wird erkennbar, welche Bedrohung ein Ungeheuer, das in der Nacht begegnet, darstellt, und wie es möglich ist, damit umzugehen. Deutung eines Traums kann immer nur Andeutung sein. Sosehr es sinnvoll ist, die Zielrichtung eines Traums für eine bestimmte Lebenssituation zu ermessen, bleibt immer die Offenheit für je neue Deutungsebenen. Eine Frau wacht schweißgebadet aus einem Einbrechertraum auf. Als sie im Wachen der Grundstimmung ihres Traums nachspürt, fällt ihr ein unangenehmes Gefühl bei einer neuen Babysitterin ein, die sich irgendwie in ihre Familie eindrängt und sich zuviel in das Privatleben einmischt. So wird der Träumerin das aktuelle Problem bewusst und sie wahrt in der Folge mehr ihre persönlichen Grenzen. – Die Deutung im Blick auf die Kinderfrau erfasst die oberflächlichste, zunächst erkennbare aktuelle Aussagerichtung des Traums, kann aber seinen wahren Gehalt nicht einmal annähernd ausloten. Keine Angestellte kann einen solchen Alptraum verursachen, wenn es nicht tiefere Gründe dafür gibt. Näher besehen, gibt es im Leben jener Frau schwere „Einbrüche", seit einem frühkindlichen Missbrauch durch eine männliche Bezugsperson (auch diese kann sich in der Babysitterin des Traums verbergen). – Der Traum offenbart in verschiedenen Lebensabschnitten und bei unterschiedlicher Bearbeitung viele Schichten des Unbewussten. Die Traumarbeit hat der Frau dabei geholfen, verletzende Erfahrungen zu verarbeiten und persönliche Schutzstrategien aufzubauen.
4.3 Objektstufige und subjektstufige Auslegung Eine spezielle Methode der Beobachtung der Bildersprache ist die objektstufige und subjektstufige Auslegung von Träumen. Diese Begriffe haben sich zunächst im Bereich der Traumdeutung eingebürgert, finden aber darüber hinaus bei der Auslegung archetypischer Texte (Märchen, Mythen, Bibeltexte) Anwendung. Eine Traumgestalt kann sowohl auf eine Person in der äußeren Bezugswelt des Träumers verweisen („objektstufige Deutung"), als auch eine Seite seiner Persönlichkeit abbilden („subjektstufige Deutung"). - Ein Traum von einem renovierungsbedürftigen Haus verweist, objektstufig betrachtet, auf die Bedürftigkeit des betreffenden Hauses; subjektstufig (symbolisch in engerem Sinn) betrachtet deutet sich darin die Erneuerungsbedürftigkeit des inneren „Hauses" an. Damit kann verschiedenes gemeint sein: Familiäre Beziehungen, das soziale Umfeld, in dem ein Mensch lebt, der seelische Haushalt. Die Übergänge zwischen den Betrachtungsweisen sind fließend. Als Grundgesetz der Traumarbeit gilt: in der Deutung zunächst auf der Objektstufe, im Bereich der realen Beziehungen bleiben; erst, wenn die Deutungsmöglichkeiten auf dieser Ebene erschöpft sind, ist nach den innerseelischen Aspekten zu fragen. Sonst werden wesentliche Herausforderungen der Außenwelt übersehen. (Dazu neigen popularpsychologisch beliebte Bestrebungen, alles nur in sich selbst zu suchen.) Ein anderes Beispiel: Wer sich im Traum verfolgt fühlt, sollte zuerst in seine konkrete Lebenssituation blicken. Wo in meiner Umgebung erlebe ich dieses Gefühl des Verfolgtseins? Menschen, Arbeitsdruck usw.? Es gibt auch innere Verfolger (Leistungsdruck, Geltungsdrang, Angst). Diese sind aber erst dann zu betrachten, wenn die äußere Konfliktebene ausreichend ernst genommen wurde. Bei Traumgestalten, die in keiner erkennbaren Beziehung zur äußeren Lebensrealität des Träumers stehen, gesichtslosen Figuren, Tieren legt sich subjektstufige Deutung besonders nahe. –
4.4 Märchen - kollektive Träume (mehr) Oft wurde beobachtet, dass sich in Märchen und Mythen ähnliche Bilder wie in persönlichen Träumen finden. Die Hinweise auf die Arbeit mit Träumen sind auch für den Umgang mit sog. Archetypischen Texten anzuwenden. Dazu gehören Geschichten, die sich durch ihre lange Überlieferung und ihre Bildersprache als Ausdruck des kollektiven Unbewussten erweisen. (Mythen, Volksmärchen, religiöses und volkstümliches Erzählgut). Prinzipien des Umgangs mit diesen Geschichten sind wie bei den Träumen: Die Bildersprache ernst nehmen; es handelt sich nicht um Protokolle, sondern um symbolhafte Geschichten. Diese Überlegungen sind hilfreich, um mit der oft beanstandeten angeblichen Brutalität der Märchen und mancher biblischer Geschichten umzugehen. Sie tragen die unerschöpfliche Kraft der Symbolik in sich – sind also Symbol, nicht „nur" Symbol (das heißt volkstümlich: nicht wahr). Sie sind wahr, freilich manchmal auf anderer Ebene als oberflächlich-historizistische Wahrheit. Ferner gilt es, die innere Dynamik und Zielrichtung der Erzählung wahrzunehmen. In den meisten archetypischen Geschichten (besonders deutlich erkennbar in Entwicklungsmärchen) gibt es die Hauptpersonen, das sind die Märchenhelden, deren Weg aufgezeigt wird (etwa: Hänsel und Gretel). Die Hauptlinie der Auslegung folgt der Entwicklung dieser Personen. Die anderen Gestalten des Märchens (also die Eltern und die Hexe) sind in Bezug zur Hauptperson und als deren innere Anteile zu verstehen. So gesehen, verweisen Stiefmutter, Vater und Hexe zunächst nicht auf reale Gestalten, sondern auf Anteile an Bezugspersonen der Helden und ihre inneren Entsprechungen. Die Stiefmutter des Märchens steht für die Seite der Mutter, die vom Kind als böse, ungerecht, hinauswerfend erlebt wird. „Hexe" versinnbildet die verwöhnend-auffressenden Anteile der engsten Bezugspersonen. Innere („subjektstufige") Anteile der Hexengestalt sind Eigenschaften, die einen Menschen auffressen können – Arbeitssucht, Eifersucht, Schuldgefühle, Gewissensdruck usw. So kann alles, was in einer archetypischen Geschichte vorkommt, auch als Vorgang in der Seele des Menschen verstanden werden. Ein Märchen ist immer auch Geschichte der Seele. Auch - und zunächst - im Innern des Menschen gibt es Hunger, Hinauswurf und Heimkehr, das Überqueren eines Wassers, das Finden von Schätzen. Menschheitliche Texte sind zu reich, um mit einer einzigen Auslegung erfasst zu werden. Jeder Hinweis kann ein - immer unzulänglicher - Versuch sein, etwas von der Kraft menschheitlicher Erfahrung zu erahnen und ins Heute zu übersetzen. Es ist wie bei Träumen: Sosehr eine Auslegung eines Traums in einer bestimmten Situation zutreffen kann, enthält der Traum immer auch mehr Elemente und Perspektiven. Das gilt erst recht für Märchen und Mythen, kollektive Träume. Wo immer wir Äußerungen des Unbewussten begegnen, tauchen Bilder und Gestalten auf, die – bei aller unterschiedlichen Ausprägung – einander ähnlich sind. Carl Gustav Jung hat sie besonders intensiv erforscht und „Archetypen" genannt.
5 ARCHETYPEN DES KOLLEKTIVEN UNBEWUSSTEN
5.1 "Archetyp" - Grundmuster der Seelenbilder Menschen aller Zeiten träumen und erzählen von Transportmitteln. Ob Schlitten, Weltraumfahrzeug oder Auto – immer geht es um Fortbewegung; die Gestalten der Bilder verändern sich je nach der Situation des Menschen. Was also in Erscheinung tritt, ist wandelbar; der innere Kern, der von Fortbewegung spricht, bleibt derselbe. Jung spricht von Archetypos (von griech. Arché = Anfang, typos = Prägung). In den Bildern von Träumen und Mythen erkannte C.G. Jung Grundmuster und Strukturen, die sich in der menschlichen Geschichte auffallend wiederholen. Genau genommen unterscheidet er zwischen dem unanschaulichen Archetyp als solchem (der Fähigkeit des Menschen, Bewegung zu erleben und im Bild auszudrücken) und dem archetypischen Erscheinungsbild. Jener ist unsichtbar, dieses ist benennbar (Wasser, Berg, Auto, Kind, Brücke, Leiter ...). Beim Auto kommt noch der Archetyp des in sich geschlossenen Raums hinzu. Auto kann Bild für Lebensraum, Geborgenheit, Freiheit, äußere und innere Heimat, Selbstsein und Entwicklung sein. Die unanschaulichen Archetypen sind unsichtbare Wirkfaktoren im Unbewussten des Menschen. Sie sind wie die Strukturelemente eines Kristalls die Strukturdominanten der Psyche, indem sie das seelische Erleben ordnen und die Bilder und Motive des Unbewussten nach bestimmten Grundmustern gestalten. Kollektiv vererbt (also im kollektiven Unbewussten angesiedelt) ist nicht das äußere Erscheinungsbild des Archetyps, sondern die innere Fähigkeit, entsprechende Bilder zu prägen. Die Archetypen sind der tiefste Grund religiös-mythologischer Vorstellungen wie auch spontaner Äußerungen des Unbewussten in Träumen, schöpferischen Ideen und Wahnvorstellungen. Die Beziehung zu dieser Schicht des Unbewussten führt zur Wurzel des Menschen. Geht sie verloren, fehlt dem Menschen tragender Grund und seelischer Halt in Lebenskrisen. Hier liegt auch ein Ansatz zur heilenden Kraft des Kollektiven Unbewussten. Neuorientierung aus der Ressource der Archetypen geschieht nicht primär durch die Vernunft, sondern durch schöpferische Anregung aus dem Unbewussten – in der Begegnung mit Träumen, Märchen, seelischen Erlebnissen. Die Archetypen sind unerschöpfliches Material an uraltem Wissen um die tiefsten Zusammenhänge zwischen Gott, Menschen und Kosmos. Dieses Material in der Seele des Menschen zu erschließen, es zu neuem Leben zu erwecken und dem persönlichen Bewusstsein zu integrieren, ist wesentliches Element des Analytischen Weges. So wird die Einsamkeit des Individuums aufgehoben und eingegliedert in das umfassende menschheitliche Werden.
C.G.Jungs Archetypenlehre ist wie seine gesamte Psychologie schwer zu ordnen oder zu gliedern. Einerseits verweisen Traumbilder wie Auto, Berg, Wasser, Kind auf archetypische Prägung; andererseits versteht Jung bestimmte Erfahrungsweisen des Menschen, die sich bei allen Menschen der Welt finden, auch als „Archetypen des kollektiven Unbewussten". Diese werden im folgenden näher bedacht.
5.2 „Persona" - Chance und Grenzen der Rollen „Burn out durch Mobbing", „Pensionsschock", „Arbeitslosenkrise", „Scheidungsschock" oder „Krise des leeren Nestes" sind mehr als nur populäre Schlagwörter. Der Verlust sozialer Wertschätzung oder das Wegfallen einer Aufgabe bringen manche Menschen aus ihrem Gleichgewicht. Anerkennung, Selbstwert, Lebenssinn hängen an einer bestimmten Rolle, die ein Mensch ausübt. Mit der beruflichen oder familiären Krisensituation gerät ein ganzes System ins Wanken. In der Sprache C.G. Jungs ist die „Persona" angekratzt oder zerbrochen. Das Wort Persona stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich: Maske oder Rolle. Gemeint ist die gesellschaftliche Rolle, die ein Mensch übernimmt (in Beruf, Partnerschaft, Familie oder sonst im sozialen Gefüge). Sie ist die bewusst gelebte und zur Schau gestellte Seite des Wesens. Ihre Funktion ist gesellschaftlicher Schutz. Verhalten, Kleidung eines Menschen, auch Rollenklischees drücken seine Persona aus. Deutlichstes Beispiel ist die große Wirkung von Uniformen – für die, die sie tragen wie für ihre Umgebung. So mancher Mensch fühlt sich ganz anders in seiner Uniform – ob Arbeitskleidung oder Gruppenzugehörigkeit – und wird auch anders behandelt als im privaten Alltagsgewand. Kleider machen Leute; Uniformen machen Menschen oder besser: ermöglichen ein bestimmtes Erscheinungsbild des Menschen, das dem Betreffenden zumeist Sicherheit gibt. Notwendig ist die Persona im Sinn der Anpassung an die Gesellschaft. Eine angemessene Persona ist wie eine gut funktionierende Haut. Sie ist Kontaktorgan, durchlässig nach außen und innen, atmungsaktiv, erneuert sich. Ein Mensch mit einer gesunden Persona ist der Außenwelt und der Innenwelt gut angepasst. Folgenschwer wird es, wenn ein Mensch sich mit seiner Persona identifiziert und sie verabsolutiert; seine gesamtmenschliche Entwicklung wird dadurch beeinträchtigt. Infragestellung oder Verlust dieser Rolle macht die Schwäche des Ich, das sich unter der Persona verbirgt, offenbar.
5.3 Dunkler und heller „Schatten" - die andere Seite „Dass mir das passieren konnte – Das bin doch gar nicht ich!" – Ausrutscher, peinliche Träume, auch die bekannten Freud’schen Versprecher machen unbewusste Seiten des Menschen offenbar. Carl Gustav Jung spricht vom psychologischen Schatten. Dieser weithin bekannt gewordene Begriff der analytischen Psychologie ist aus der menschlichen Erfahrung im Umgang mit dem körperabhängigen Schatten hervorgegangen. Der seelische Schatten umfasst die unbewusste, bisher nicht wahrgenommene Seite des Lebens. Entdeckt wird der Schatten durch spontane Äußerungen, durch überraschende, unerwartete Gefühle. Ein aggressiver Impuls, der erschrecken lässt, ein Verhalten im Traum, mit dem sich der Träumer am Tag nicht identifizieren kann. Solche Regungen machen auf einen abgespalteten Bereich der Psyche aufmerksam. Das können Mordgelüste gegenüber geliebten Menschen sein oder sexuelle Wünsche, die im bewussten Leben unvorstellbar, meistens unerlaubt sind. Der psychologische Schatten gehört wie der physiologische Schatten unzertrennlich zum Menschen. Er ist eine Eigenschaft oder Fähigkeit des einzelnen, die aus irgendwelchen Gründen nicht bewusst mitleben darf. Schatten ist das, was der Mensch nicht sein möchte oder meint, nicht sein zu können oder zu dürfen. Der Schatten ist die Summe aller unangenehmen Eigenschaften, die man verbergen möchte, die eigene zweite, dunkle Seele gewissermaßen. Dunkel ist er nicht nach seiner inhaltlichen Ausformung, sondern nach der Bewertung. Der Schatten umfasst die unliebsamen, verachteten, sozial nicht lebbaren Anteile der Persönlichkeit. Es kann auch das Lichte sein. Denn der Schatten steht im Gegenzug zum bewussten Ich des Menschen. Er ist verschieden gefärbt, je nach der Bewusstseinslage des Menschen. Ein lichtes Bewusstsein hat einen dunklen Schatten, zu einem dunklen Bewusstsein gehört ein lichter Schatten. (Hier wird das Bild des physiologischen Schattens gesprengt.) Wer Lob nicht erträgt, wehrt seine aufbauenden und ihm selbst nützlichen Fähigkeiten ab. Eine vorrangige Aufgabe der psychotherapeutischen Arbeit, aber auch der persönlichen Selbsterfahrung des Menschen ist, den Schatten wahrzunehmen und in das bewusste Leben zu integrieren. Nicht Abspalten, sondern Annehmen und Fruchtbarmachen ist gefragt, wie Jung einmal formuliert hat: "Eine bloße Unterdrückung des Schattens ist ebenso wenig ein Heilmittel wie Enthauptung gegen Kopfschmerzen". Der Schatten ist sowohl individuell-persönlich, als auch archetypisch-kollektiv. Auch Familien, gesellschaftliche Gruppen bis hin zu Völkern haben ihren Schatten. Mythologische Personifikationen sind Hexe und Teufel. Politische Auswirkungen sind kollektive Feindbilder. Auch Idole können Ausdruck des „lichten" Schattens sein. Die einfachste Methode, um seinen Schatten zu erkennen ist die Beobachtung: „Was stört mich an anderen am allermeisten?" Und: „Was bewundere ich an anderen, worum beneide ich sie?" Denn der eigene Schatten wird automatisch auf andere projiziert, solange er Schatten ist, also nicht bewusst gemacht ist. Projektion meint Hinausverlegung eines subjektiven Vorgangs in das Objekt. Was an einem anderen stört, hat vermutlich mit eigenen, abgewehrten Anteilen („dunkler Schatten") zu tun. Und was an einem anderen bewundert wird, zeigt im Sinn der analytischen Perspektive eigene, bisher noch nicht zugelassene Möglichkeiten („heller Schatten"). Die Rücknahme einer Projektion ist ein entscheidender Schritt zur Bewusstmachung und Integration des Schattens und eine oft unabkömmliche Voraussetzung zum fairen Umgang mit anderen. Wenn diese „dunklen", bisher nicht gelebten Wesensanteile wahrgenommen und dem bewussten Leben integriert werden, entwickelt sich der Mensch zu seiner Ganzheit.
5.4 Chance der Andersartigkeit („Animus" und „Anima") Ein gesellschaftlich etablierter Mann in noblen Verhältnissen träumt, dass seine Frau in alkoholisiertem Zustand sich wie eine Prostituierte verhält. Es wäre gefährlich, wenn der Träumer in seinem Traumbild das wahre Gesicht seiner Frau sehen würde. Wenn in der Realität kein Anhaltspunkt für diese (objektstufige) Auslegung gegeben ist – was in den meisten Träumen dieser Art der Fall ist! – liegt die subjektstufige Auslegung nahe. Die heruntergekommene Frau ist Bild für den Zustand der Partnerbeziehung und sie ist Bild für die verwahrloste „Anima" des Mannes. Die Begriffe „Anima" (lat.= Seele) und „Animus" (lat.= Geist) meinen die innere weibliche Seite im Mann und die männliche Seite in der Frau. Jung spricht von Seelenbildern. Anima ist das Bild des Mannes vom Weiblichen und zugleich seine eigene weibliche Seite. Der Animus verkörpert eine Form des männlichen Prinzips in der Frau. Ein Urbild des Gegengeschlechtlichen ist in jedem Menschen grundgelegt und erhält durch die konkreten Erfahrungen mit Menschen des anderen Geschlechts spezifische Ausprägung. Das Bild des Weiblichen, das jeder Bub seit seiner Zeugung gleichsam in seinem kollektiven Erbgut vorfindet, gewinnt durch die prägende Erfahrung mit der mütterlichen Bezugsperson der frühen Kindheit konkrete Gestalt und wird in der Folge auf weitere Menschen übertragen, die irgendeinen Anhaltspunkt dafür bieten. Entsprechend ist die Beziehung zum Männlichen in der Entwicklung der Frau. Anima und Animus sind unbewusste Grundlage für die Partnerwahl. Verliebtheit in einen anderen lebt von der Faszination durch das andersgeschlechtliche Seelenbild. So erklärt sich, warum Jungen sich gerne in Mädchen verlieben, die der Mutter ähnlich oder von ihr sehr verschieden sind (auch dann wird die Mutter als Maß genommen), und umgekehrt Mädchen den Vater als Bild des Mannes nehmen. In der Mythologie wird die Anima vielfältig personifiziert: in der Gestalt von Elfen, Hexen, Feen. In Träumen begegnet sie auch als kranke oder verführerische Frauengestalt. Der Animus zeigt sich in Träumen von Frauen häufig in doppelter Gestalt; die Bilder reichen vom erotisch-faszinierenden Jungen, dem naturhaften Helden über den bedrohlichen Räuber bis zum alten Weisen. Im einzelnen wird die inhaltliche Bestimmung von Animus und Anima in den Jahrzehnten seit C.G.Jung immer schwieriger. Früher konnte man sagen: Eine Frau, die ihren Verstand gebraucht und es wagt, öffentlich aufzutreten, hat ihren Animus entwickelt und ein Mann, der weinen kann, seine Anima. Heute wird auch überlegt, inwieweit jene Züge, die Jung mit Anima und Animus meint, nicht auch im Weiblichen und im Männlichen selbst enthalten sind. Wie groß ist die Spannbreite des Weiblichen und des Männlichen? Wie immer Animus und Anima näher zu bestimmen sind - sie drücken im Sinn der analytischen Psychologie das Gegensatzprinzip im Menschen aus. Unter Voraussetzung der Verankerung in der eigenen Geschlechtlichkeit wird die Reifung des Menschen zur Ganzheit auch so gesehen, dass der Mensch die andersgeschlechtlichen Anteile integriert. Denn Anima und Animus können auch in den Bereich des Schattens fallen, wenn Menschen die jeweils andersgeschlechtlichen Seiten in sich unterdrücken. Am deutlichsten wird die Verkümmerung der Seelenbilder in der gegenseitigen Unterdrückung der Geschlechter. Gewalt gegen Vertreter des anderen Geschlechts (oder deren Geringschätzung wie auch Überhöhung) ist untrüglicher Ausdruck für den unausgewogenen Umgang mit der inneren andersgeschlechtlichen Seite. Durch das Wahrnehmen und Integrieren dieser eigenen Seiten entspannt sich dann auch der Umgang mit den Andersgeschlechtlichen.
„Dass ich immer an bereits gebundene oder bindungsunwillige Männer gerate!" – So klagt eine Frau, die eine Enttäuschung nach der anderen erlebt. Im Grunde passiert immer dasselbe: Sie verliebt sich in einen Mann, der nicht erreichbar ist. Der Vater hat sie immer übersehen, weil er sich einen Sohn gewünscht hat. Unbewusst sucht die Frau, wie das kleine Mädchen von damals, immer den - unerreichbaren - Vater. Ein anderer wieder rastet aus, sobald er einer Autorität – meist sind es Männer – begegnet. Er zittert bei einem Gespräch mit dem Abteilungsleiter oder Chef und fühlt sich unsicherer, als er es notwendig hätte. Er steht im Bann des großen Bruders der Kindheit, der ihn psychisch und physisch unterdrückt hat. Jung spricht von „Komplex". In den beiden Beispielen sind Menschen im Bann eines Vater- oder Geschwisterkomplexes. Die Erforschung der Komplexe ist neben den Träumen für C.G.Jung die via regia (Königlicher Weg) zum Unbewussten. Der Begriff „Komplex" wird in der Jung’schen Psychologie weiter gefasst als in dem landläufig verbreiteten Verständnis des „Minderwertigkeitskomplexes". Ein Komplex umfasst eine Gruppe von Vorstellungen, Erlebnissen, Bildern und Worten, die assoziativ miteinander verbunden sind, verknüpft durch eine gemeinsame Gefühlstönung. (In den eben genannten Beispielen ist es die Erwartung an den Vater oder die Angst vor dem Bruder). Die gesamte Psyche ist ein System von Komplexen, die voneinander abhängig sind. Weitere Beispiele sind der Mutterkomplex, Schuldkomplex, Minderwertigkeitskomplex. Zentrale Komplexe, von denen sich alle anderen ableiten lassen, sind nach weithin einhelliger Meinung der Jungianer die Eltern- und Geschwisterkomplexe. Komplexe sind grundsätzlich lebensfördernde Kraftzentren im Menschen, Brenn- und Knotenpunkte des seelischen Lebens. Sie sind die Architekten der Träume, ordnen das Seelenleben, sind Brennpunkte der psychischen Vorgänge. Wie die Archetypen sind auch die Komplexe an sich unbewusst, können sich aber positiv-motivierend oder psychoneurotisch-störend bemerkbar machen - je nachdem, in welchem Verhältnis sie zum bewussten Ich des Menschen stehen. Sind sie dem Menschen unterstellt, kann er sie gezielt nützen. Führen sie ein Eigendasein, untergraben sie die Freiheit des Menschen, bis zur „Besessenheit" vom Komplex. Meist überfallen sie den Menschen. Dann ist er hilflos ausgeliefert. Das kann ein Schuldkomplex hervorragend: Er vermag, das Denken zu beeinflussen oder auszuschalten und weite Bereiche des Lebens und Erlebens zu beeinträchtigen. Psychoneurosen und Psychosen sind auch als Auswirkungen von einem Komplex zu verstehen. C.G.Jung deutet das Phänomen der Besessenheit wie auch die Erfahrung von Naturvölkern mit Geistern als Projektion personifizierter unbewusster Komplexe. Die Elemente eines Komplexes sind individuell-persönlich, kulturbedingt und angeboren-allgemeinmenschlich. So konstelliert sich der Mutterkomplex aus biographischen Erfahrungen, kollektiven, kulturgebundenen Vorstellungen über Mütterlichkeit und archetypischer Vorprägung. Ursachen für negative Auswirkungen sind oft Blockierungen aus der Kindheit und andere emotionale Schockerlebnisse. Die Auflösung eines Komplexes geschieht durch Bewusstmachung und emotionale Verarbeitung. Deutliches Bild ist die Szene im Grimm’schen Märchen „Rumpelstilzchen", in der die junge Königin Rumpelstilzchens Namen herausfindet. Durch das Ansprechen, das heißt Bewusstmachen, wird der Komplex unschädlich gemacht. Denn wenn das Ich in positiver Beziehung zu den Komplexen steht, können die zuvor gebundenen psychischen Energien freiwerden und entsprechend den Zielen des Ich eingesetzt werden. Eine vielgestaltige Persönlichkeit entsteht. So führt die Aufarbeitung des Mutterkomplexes einer Frau zur Entlastung der Beziehung zur äußeren und verinnerlichten Mutter und damit zur Reifung der Weiblichkeit der Frau. Weibliche Energie wird frei, wenn der Komplex dem bewussten Ich unterstellt wird.
6 ZWISCHEN ENTZWEIUNG UND SELBSTFINDUNG
6.1 Neurose - Störfaktor und Chance C.G.Jung soll einmal gesagt haben: „Jeder Schwizer hat sein Neurösli". Kein Leben ohne Neurosen! Jeder hat sie, nur in unterschiedlicher Ausprägung – und in verschiedenem Bewusstseinsgrad. Am Menschen und seinem Umfeld hängt es, was daraus wird: ob die Neurose ihm und seiner Umgebung förderlich oder hinderlich wird. Wie in den meisten Entwicklungsmärchen am Anfang eine Not steht, welche die weitere Entwicklung in Gang setzt, so kann der Sinn der Neurose in diesem Triebfaktor liegen, sofern der Leidensdruck wahrgenommen und bewusst bearbeitet wird. In der Fachsprache C.G.Jungs ist die Neurose ein Stauungsphänomen im Ablauf des Energieflusses (Libido). Sie ist Ausdruck der gestörten Ganzwerdung des Menschen. Sie verweist nie bloß auf den einzelnen Menschen, sondern auf ein gesellschaftliches Problem. (Oft ist zu fragen, wer krank oder abnormal ist: der „Gestörte" oder seine Umgebung).
Wo Anzeichen der Neurose sich melden – in Ängsten, Depressionen, zwanghaften Verhaltensweisen, körperlichen Symptomen –, ist nicht nur nach ihren Ursachen, sondern auch nach ihrem Sinn zu fragen. Denn die Neurose ist nicht bloß Ausdruck einer Entzweiung des Menschen mit sich selbst, die meist auf Verletzungen beruht, sondern vermittelt ihm zugleich Signale, um sein Leben ganzheitlicher zu gestalten. Wer Leidensdruck und Defizite kennt, kann daran zerbrechen oder er „bricht auf" zu bewussterem Leben. Jung soll einmal gesagt haben: In unseren westlichen Breiten kommen nur Menschen mit Leidenserfahrung zu seelischer Entwicklung. Tatsächlich leben Menschen, die mit ihren seelischen Wunden bewusst umgehen, wacher, sie erreichen oft mehr Tiefgang und sind verständnisvoller für andere. Und wer Schmerzen kennt, schätzt sich umso mehr das Geglückte. Vieles wird nicht selbstverständlich und umso mehr in seiner Kostbarkeit wahrgenommen. Die Erfahrung im Umgang mit Neurosen bestätigt die Überzeugung der analytischen Psychologie von der heilvollen Kraft der Störungen und Schmerzen. Zum Selbstverständnis vieler Jungianer gehört ein Bild aus dem Bereich der Schamanen: Wie der Schamane durch seine Wunden heilt, so versteht sich der analytische Psychotherapeut als einer, der seine Lebenswunden fruchtbar machen darf.
„Individuation" ist das Ziel der Jung’schen Analyse und der Gegenpol zur neurotischen Entzweiung. Gemeint ist nicht, wie vom Wort her vermutet werden könnte, Vereinzelung im Sinn eines Individualismus, sondern ein psychischer Reifungsprozess, der auch als Selbstverwirklichung im Sinn der Ganzwerdung umschrieben werden kann: Entfaltung des Menschen in allen seinen psychischen und sozialen Fähigkeiten, also auch zur Gemeinschafts- und Beziehungsfähigkeit hin. Individuation meint zum Einzelwesen werden, das in Frieden mit sich und seiner Umwelt lebt. Insofern unter Individualität unsere innerste, letzte, unvergleichliche Einzigartigkeit verstanden wird, meint Individuation zum eigenen Selbst werden. Dieser Prozess erfordert das Akzeptieren und Ertragen der eigenen Gegensätzlichkeit und Konflikthaftigkeit. Ziel des Individuationsprozesses ist die Erfahrung des Selbst als Ganzheitserfahrung. Das Selbst steht im Zentrum von Jungs Persönlichkeitstheorie. Es ist der Archetyp, der für die Integration und Stabilität der Persönlichkeit verantwortlich ist. Das Selbst äußert sich in dem angeborenen Streben des Menschen nach psychischer Ganzheit. Gegenüber der neurotischen Störung strebt die analytische Psychotherapie auf eine Wiederherstellung dieses natürlichen Entwicklungsprozesses hin. Das Selbst erfährt und findet ein Mensch, wenn er die tiefsten Anlagen und Möglichkeiten seines Wesens verwirklicht; das ist lebenslanger Prozess.
Individuation ist ein spontaner, autonomer Prozess, ähnlich dem körperlichen Wachstum, das jedem Menschen potentiell mitgegeben ist. Der positiven Grundeinstellung analytischer Psychologie zufolge gibt es im Menschen eine integrierende Kraft, ein selbstregulierendes System sozusagen, das die innere Reifung, Heilung von Verletzungen und die Vereinigung der Gegensätze anstrebt. Bei vielen Menschen erfolgt dieses Ganzwerden im Verlauf ihrer Lebensgeschichte aus einem natürlichen Streben der Seele nach Vereinigung von Gegensätzen heraus. Die Analyse verstärkt und vertieft den natürlichen Prozess. Die Erfahrung des Selbst hat im Sinn Jungs eine religiöse Dimension. Es geht um die Erfahrung der Tiefe der Seele, die auch als Gotteserfahrung gedeutet und umschrieben werden kann. Die Psyche hat von ihrer Natur her eine religiöse Ausrichtung in sich.
Zusammenfassend zeigt sich das Ziel der Führung nach C.G.Jung darin, die Vereinzelung und Bodenlosigkeit des modernen Menschen aufzuheben. Eingebettet in den großen Lebensstrom wird dem Einzelnen zu einer Ganzheit verholfen, die Licht und Schatten der Seele und des Lebens in einer Weise miteinander versöhnt, die dem Menschen Frieden schafft - in seinen Beziehungen zu sich selbst und zu seiner Mitwelt.
Homepage der Österreichischen Gesellschaft für Analytische Psychologie (ÖGAP):
LITERATURHINWEISE: Textausgaben von C.G.Jung JUNG, Carl Gustav, Taschenbuchausgabe in elf Bänden, hsg. Lorenz Jung. München (dtv) 1971-1990. Zum Beispiel: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten (dtv 15061), Antwort auf Hiob (dtv 15062), Typologie (dtv 15063), Traum und Traumdeutung (dtv 15064), Archetypen (dtv 15066), Psychologie und Religion (dtv 15068). GESAMTAUSGABE der Werke von Carl Gustav Jung, 20 Bände. Walter-Verlag. JUNG, C.G:, Erinnerungen, Träume, Gedanken, hsg. von Aniela Jaffé, Walter-Verlag. Weiterführende Literatur: AMMANN, Ruth, Heilende Bilder der Seele. Das Sandspiel - der schöpferische Weg der Persönlichkeitsentwicklung. Kösel-Verlag DIECKMANN, Hans, Komplexe. Diagnostik und Therapie in der analytischen Psychologie. Springerverlag, Heidelberg DERSELBE: Träume als Sprache der Seele. Bonz-Verlag FRANZ, Maria Luise von, Psychologische Märcheninterpretation. Eine Einführung. Kösel-Verlag. DIESELBE, Schöpfungsmythen. Bilder der schöpferischen Kräfte im Menschen. Kösel-Verlag. HARK, Helmut, Lexikon Jungscher Grundbegriffe. - Olten (Walter-Verlag) 21990. DERSELBE, KAST V., RIEDEL I. hsg., Träume als Wegweiser. Eine Reihe zu einzelnen Traumbildern, Walter-Verlag JACOBI; Jolande. Die Psychologie von C.G.Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk. Fischer TB 6365. KASSEL, Maria, Traum, Symbol, Religion. Tiefenpsychologische und feministische Analyse. Freiburg (Herder) DIES., Biblische Urbilder. Tiefenpsychologische Auslegung nach C.G. Jung. München (Pfeiffer-Verlag) KAST, Verena, Märchen als Therapie, dtv 35021 DIESELBE, Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. Kreuz-Verlag. KERÉNYI, Karl, Die Mythologie der Griechen, 2 Bände. dtv 30030, 30031. LURKER, Manfred, Die Botschaft der Symbole in Mythen, Kulturen und Religionen. München (Kösel-Verlag) NEUMANN, Erich, Die große Mutter. Eine Phänomenologie der weiblichen Gestaltungen des Unbewußten. Walter-Verlag. RIEBL, Maria, Heilsame Umwege. Exegetische und tiefenpsychologische Betrachtungen zum alttestamentlichen Jakobszyklus. Tyrolia-Verlag. (dzt. vergriffen, Restexemplare bei der Autorin erhältlich.) DIESELBE, Hänsel und Gretel – oder: Wozu Erwachsene und Kinder Märchen brauchen. Weitere Märcheninterpretationen – alle im Eigenverlag, bei der Autorin erhältlich. DIESELBE, Sprache der Träume. Erwachsenenträume – Kinderträume. Im Eigenverlag. RIEDEL, Ingrid, Bilder in Therapie, Kunst und Religion. Kreuzverlag. DIESELBE, Farben in Religion, Gesellschaft, Kunst und Psychotherapie. Kreuzverlag. DIESELBE, Formen, Kreuzverlag. DIESELBE, Die vier Elemente im Traum (Walter-Verlag) DIESELBE, Die weise Frau in uralt-neuen Erfahrungen. Der Archetyp der alten Weisen im Märchen und seinem religionsgeschichtlichen Hintergrund. - Olten (Walter-Verlag) SAMUELS, Andrew, u.a., Wörterbuch Jungscher Psychologie. dtv 150 88. SHINODA BOLEN, Jean, Göttinnen in jeder Frau. Psychologie einer neuen Weiblichkeit. Buchs (Sphinx-Verlag) DIESELBE, Götter in jedem Mann. Buchs (Sphinx-Verlag) WILHELM, Richard, Jung, C.G., Das Geheimnis der Goldenen Blüte. Das Buch von Bewusstsein und Leben. Eugen Diederichs-Verlag. Homepage der Österreichischen Gesellschaft für Analytische Psychologie (ÖGAP): www.cgjung.at Kontakttelefon: 01 803 82 02
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